Workshop-Erfahrungen

Workshop April

Workshop mit Sue, Andrea und Bettina im April 19

 

Kollektive Themen transformieren – Übungstag mit Bettina am 24.11.2019

Etwas, das mich schon sehr lange belastet hat, war das Thema erstarkender Rassismus und Antisemitismus in Deutschland.
Wie können die wieder hochkommen – hier – müssen wir am Ende nochmal da durch, das kann doch nicht sein…
Sobald ich jemanden „von denen“  im Fernsehen sehe, kriege ich so einen Widerwillen, dass ich nicht zuhören kann und umschalten muss.
Mit wäre es lieber, es gäbe diese Menschen nicht… Und wohin führt so ein Gedanke!!!

Die transformierende Übung des „Nährens der eigenen Dämonen“ nach Lama Tsültrim Allione:
Ich fühle das Thema in meinem Herzen, als ob es in zwei Teile gespalten wäre. Dazwischen ist eine Art Abgrund, in dem Feuer brennt.
Sobald ich diese Körperempfindung identifiziert habe, steigt eine große Traurigkeit auf.

Im nächsten Schritt der Übung  projiziere ich die Empfindung nach draußen, und sehe einen Abgrund, in dem Feuer lodert. Auf jeder Seite steht eine Gestalt, links ein junges Mädchen, rechts ein junger Mann. Das Feuer brennt hoch, und der Abgrund ist sehr tief und steil. Ich fühle ihre Sehnsucht, zusammen zu sein, und die Verzweiflung, weil es unmöglich ist, und sie ihr Leben riskieren.

Ich wechsle den Platz und werde zu der ganzen Situation, und das stärkste Gefühl ist die Hoffnungslosigkeit. Es ist hoffnungslos – auf die gleiche Weise, in der ich mich Welten entfernt fühle von der schieren Möglichkeit, einem dieser „rassistischen Leute, die ich ablehne“, auch nur etwas näher zu kommen.
In der Übung fragt man die schwierige Erscheinung: Was brauchst du? Und wie würdest du dich fühlen, wenn du bekommst, was du brauchst?

Die Situation braucht Hoffnung. Und dann käme ein Gefühl wie Frühling.

Ich wechsle wieder den Platz und nähre die Situation mit dem Nektar des Frühlings. Er ist hellgrün mit glitzernden Funken darin. Der Abgrund füllt sich mit Wasser und wird zu einem Bach mit grünen Ufern. Das Mädchen und der Junge springen leicht von einem Ufer zum andern, fassen sich dann an den Händen und laufen fort, Richtung Horizont.

Der Bach wird zum Fluss, und der Fluss wird zum Meer. Es ist ein unermesslich großer Ozean unter einem unermesslich weiten Himmel. Das Licht fült den Himmel und das Wasser, bis es nur noch Licht gibt.

 

Stell dir nur einmal vor, all diese Ablehnung, der Hass und die Angst in unserem Land (und in den anderen Ländern der Welt), wenn sich das so verwandeln würde!

Alles, von dem ich mich getrennt fühle, ist ein Teil von mir, von meiner Erfahrung des Lebens, und ich kann das nicht aus meiner Erfahrung reißen. Der Versuch, mich von etwas abzutrennen, das existiert, war sehr sehr schmerzhaft, hat viel Energie gebunden, und war letzlich auch erfolglos.

Ich bin auf einer relativen Ebene natürlich immer noch genauso gegen bestimmte Politik, und würde alles tun, um sie zzu stoppen. Ich glaube, hier ist es wichtig, Relativ und Absolut zu unterscheiden. Ich sag jetzt nicht: Macht nur so weiter, ist doch prima!

Für mich war es so, als würde eine grundlegende Verbindung wieder erfahrbar.
Dieses ist der einzige Weg, den ich kenne, wie ich die Erscheinung von etwas integrieren kann, das das Letzte darstellt, was ich mir auf der Welt wünsche.

Es ist schwer, das in Worte zu fassen… aber beim Nachforschen gewinne ich den Eindruck, dass wir alle sehr direkt mit dem kollektiven Bewusstsein verbunden sind, und einen weit stärkeren Einfluss darauf haben, als uns bewusst ist.

Und was mindestens genauso wichtig ist: wir können schwere Lasten von den eigenen Schultern werfen.
Mich hatte es so belastet, der Versuch, mich abzutrennen.

Es gibt keine Trennung. Wir sind alle gemeinsam „hier“.
Und in dem Moment, wo das klar wird, wird niemand mehr überhaupt den Impuls haben, Geflüchtete zurückzuschicken, niemand wird mehr Angst um den eigenen materiellen Besitz haben, niemand wird auf ein Mitwesen herabsehen, weil sie oder er anders aussieht, eine andere Sprache spricht oder sonst auf irgendeine Weise „anders“ ist.

Mehr zur Übung „Das Nähren der eigenen Dämonen“

 

April 2019 in München – Workshop mit Sue Garn und Andrea Zumbrägel

Aus Stimmen von Teilnehmenden entsteht vielleicht ein Eindruck vom Workshop …

Es war eine Begegnung mit dem Unfassbaren. Als Ganzes scheinen mir die Verbrechen der Nazizeit und alles was passiert ist unfassbar. Das ist zu groß für uns, das Leid ist unermesslich. Mit Sue war es eine konkrete Begegnung. Da ist jemand, deren Eltern die Verfolgung überlebt haben. Und sie ist eine Erbin ihrer Leiden, in gewissem Sinne. So wie ich eine Erbin der Taten meiner Großeltern und der deutschen Geschichte insgesamt bin. Ob ich es will oder nicht. (…)

Ohne Sue wäre der Workshop ein anderer gewesen. Die Tatsache, dass sie nach Deutschland kommt und mit den Kindern der VerbrecherInnen arbeitet, ist umwerfend für mich.


Es war so heilsam, mit gleichgesinnten Frauen im Kreis zu sitzen, – sich auszutauschen. Es hatte was MAGISCHES, wie es passte. Sehr hilfreich war die Liebe, die Klarheit/Direktheit,  mit der Sue leitet.

Ich habe den von Andrea geleiteten Heilkreis als sehr intensiv erlebt. Ich konnte in Verbindung sein, fühlte mich getragen.  Es war eine heilende, heilige Atmosphäre.


(…) Tiefer und tiefer zu gehen und tief Vergrabenes ans Licht zu bringen. Auch wenn Bilder, Gefühle hochkamen die mit dem denkenden Hirn unverständlich blieben, waren sie doch auf einer höheren Ebene ganz klar, überhaupt nicht bedrohlich, sondern innerlich befriedend und befreiend. Ich fühlte mich erleichtert und gehalten durch Sues Fragen, die Präsenz der Gruppe und das Gefühl: es wird einfach gehört.

(…) Auf der Europa-Demo in München trug eine Frau ein Transparent: Kommt der Mut, geht der Hass. So hat sich das angefühlt. Da ist nicht mehr dran zu rütteln, ganz natürlich und einfach. Fühlt sich leicht an, friedlich und offen wie nach Hause kommen .


Bettina Höldrich über den Workshop:

Ein sehr klares Ziel – alte Schuld und Scham aufdecken, die wir aufgrund des Holocaust erbten und tragen, und das loslassen, so dass unser wahres Sein hervorscheinen kann. Gleichzeitig war es vollkommen offen, wie wir denn da hinkommen würden – wir konnten uns einfach hineinfallen lassen.

Eine Erfahrung nehme ich ganz besonders mit: Am Abend des ersten Workshoptages, voller Euphorie über den befreienden Prozess, fiel mir plötzlich eine blöde kleine Auseinandersetzung mit jemand ein, die ich im Alltag gehabt hatte. Nein – ich kann doch jetzt nicht so kleinlich und engstirnig werden, wo ich gerade gefühlsmäßig den Himmel berührt habe? – Als ich die Situation so betrachtete, war es mir auf einmal möglich zu sehen: Wenn die andere Person wirklich die Möglichkeit hätte, den Zwist einfach fallen zu lassen – würde sie es tun? Natürlich würde sie das! Die andere Person litt genauso wie ich unter dieser Situation, und genauso wie ich fand sie momentan keinen Ausweg. Ich konnte die Schutzschichten und den Panzer erkennen, die um das „Reine Herz“ in uns beiden, in allen Menschen liegt. Ich konnte da hindurchschauen, und es einfach loslassen. So erleichternd!


Sue Garn über den Workshop:

Ich kam einige Tage vor dem Workshop nach Deutschland, und das half mir, umso deutlicher Orte in mir selbst aufzuspüren, wo ich noch Opfer sein, Schmerz und Angst festhalte. … Der neue Ort, an den ich dadurch gelangt bin, ist so viel gesünder und ich erlebe mehr Akzeptanz und Mitgefühl. (…)

Zu Beginn des Workshops empfand ich die Energie als sehr dicht und schwer, und die Teilnehmerinnen drückten tiefen Schmerz aus, jede auf ihre Weise. Von Anfang an war da die Bereitschaft, sich ganz in diesen intensiven Prozess hineinzubegeben. (…)

Es war erstaunlich zu sehen, welche Veränderung vor sich ging – zunächst indem die Teilnehmenden akzeptierten, wer sie waren, und dann, wie es immer klarer wurde: Es gibt einen Ort in uns, an dem wir eine Wahl haben (…) uns zu entscheiden, an einen gesünderen Ort zu kommen, wo wir Zugehörigkeit erfahren. Diese Zugehörigkeit ist dann nicht mehr mit Schuldgefühlen verbunden, sondern mit Verantwortlichkeit.

Für mich war es eine große Ehre, dass mir diese Gelegenheit in den Schoß fiel, aktiv beteiligt zu sein am Beginn eines Prozesses, in dem wir von einer der schrecklichsten Zeiten der menschlichen Geschichte genesen.